Dreißig Tage lang jeden Tag ein Porträt zu zeichnen klingt zunächst nach einer Frage der Disziplin. Tatsächlich wurde es vor allem eine Übung im Beobachten: Kein Gesicht funktioniert nach derselben Formel, und Routine hilft nur dann, wenn sie den Blick nicht ersetzt.

Warum ich dieses Projekt begonnen habe
Im Arbeitsalltag entsteht leicht der Wunsch, jeden Schritt zu kontrollieren. Die tägliche Zeichnung setzte einen klaren Rahmen: anfangen, genau hinsehen und eine Entscheidung treffen. Nicht jedes Blatt musste perfekt sein. Jede Arbeit sollte mir aber etwas über Proportion, Ausdruck oder Material zeigen.

Lektion 1: Ähnlichkeit entsteht nicht durch mehr Details
Ein Gesicht kann technisch sauber gezeichnet sein und trotzdem nicht vertraut wirken. Häufig sind wenige Beziehungen entscheidend: Abstand der Augen, Neigung des Mundes, Form des Kinns oder die Richtung des Blicks. Erst wenn diese Grundstruktur stimmt, helfen kleine Details.
Lektion 2: Gute Vorlagen sparen keine Beobachtung
Ein scharfes Foto liefert mehr Informationen, aber es sagt dem Künstler nicht, welche davon wichtig sind. Bei jeder Vorlage musste ich erneut entscheiden, welche Linie den Charakter trägt und welche nur fotografisches Rauschen ist.

Lektion 3: Fehler früh zu erkennen ist wichtiger als schnell zu zeichnen
Viele Probleme entstehen in den ersten Minuten. Ist die Kopfneigung falsch, lässt sich das später kaum mit schöner Schattierung retten. Ich habe deshalb gelernt, öfter Abstand vom Blatt zu nehmen und die großen Formen zu prüfen, bevor ich Details ausarbeite.
Lektion 4: Jedes Motiv bringt eine eigene Geschichte mit
Ein Porträt ist für den Künstler zunächst eine Anordnung von Formen. Für die Person, die das Foto auswählt, kann es dagegen eine Familienerinnerung, ein Abschied oder ein besonderer gemeinsamer Moment sein. Dieses Wissen verändert die Sorgfalt, mit der man auf scheinbar kleine Details schaut.
Lektion 5: Wiederholung schafft Ruhe, keine Gleichförmigkeit
Durch die tägliche Arbeit wurden Handgriffe sicherer. Gleichzeitig wurde deutlicher, dass Gesichter nicht in ein festes Schema passen. Routine sollte Freiraum für genaues Sehen schaffen – nicht zu identischen Ergebnissen führen.
Auswahl aus der Serie

















Was nach dreißig Tagen geblieben ist
Das Projekt hat meinen Blick nicht völlig neu erfunden. Es hat ihn verlangsamt. Ich prüfe heute früher die großen Formen, vertraue weniger auf vermeintlich sichere Abkürzungen und frage genauer, was ein Motiv für den Menschen dahinter bedeutet.
Fazit
Zeichnen lernen bedeutet nicht, Fehler vollständig zu vermeiden. Es bedeutet, sie früher zu sehen und bewusster darauf zu reagieren. Wenn du die aktuelle Arbeit von Sketchus kennenlernen möchtest, findest du Beispiele und Ausführungen im Portrait-Konfigurator.